Vegan bei der Bundeswehr: Exklusives Interview

In Universitäten, in Restaurants und im Supermarkt ist der Trend zu pflanzlichen Produkten in den letzten Jahren klar zu sehen. Doch wie sieht es eigentlich in eher konventionell geprägten Instanzen wie der Bundeswehr aus?

Um das herauszufinden durfte ich exklusiv einen aktiven Soldaten im Dienst befragen. 

Im Folgendem erfährst du aus erster Hand, ob es auch in der Bundeswehr möglich ist sich vegan zu ernähren und wie sich die generelle Einstellung zur fleischlosen Küche in der Truppe zeigt. 

Im Anschluss gibt es noch einige Zusatzinformationen.

Interview

Hey Jan, schön, dass du dir die Zeit für unser Interview genommen hast. Magst du dich zunächst vorstellen?

Also, ich bin Jan L. 28 Jahre alt und komme aus Bochum. 

Seit 2016 bin ich bei der Bundeswehr und studiere als  Offizier der Luftwaffe zurzeit in Hamburg Politikwissenschaften. 

Meine Freizeit verbringe ich entweder mit Gaming und Serienschauen oder draußen auf den Motorrad und halte mich mit Fahrradfahren und Kraftsport fit.

 

Wann hast du dich entschieden vegan zu Leben und warum?

Ich habe mich vor ca. 1 ½ Jahren entschieden vegan zu werden, um meinen CO2-Fußabdruck zu reduzieren und überflüssiges Tierleid zu vermeiden.

 

Ist dir die Umstellung zur veganen Ernährung schwergefallen?

Schon. Grundsätzlich mag ich den Geschmack und den Geruch von Fleisch, deswegen nutze ich gelegentlich auch Fleischersatzprodukte wie Sojaschnetzel, vegane Nuggets, Geschnetzeltes von Lidl und Aufschnitt der Rügenwalder Mühle. 

Da mir aber wichtig ist mich gesund zu ernähren, koche ich lieber mit frischen vollwertigen Lebensmitteln. Ersatzprodukte sind gut für gelegentliche unkomplizierte Abwechslung.

 

Hast du seit deiner Umstellung auf die vegane Ernährung Veränderungen deiner Leistungsfähigkeit oder Gesundheit bemerkt?

Nein, eigentlich nicht. Die einzigen Dinge die auffielen, waren ein Eisenmangel, der aber vermutlich eine andere Ursache hat, und der Heißhunger auf Fleisch, der sich alle paar Wochen mal für 2 oder 3 Tage einstellt.

(Anmerkung: Jan hat nach einer längeren Antibiotikatherapie zahlreiche Unverträglichkeiten entwickelt und muss sich deswegen sehr einseitig ernähren)

 

Kommen wir zum eigentlichen Thema. Wie sehen die Möglichkeiten einer veganen Verpflegung bei der Bundeswehr aus?

Eine rein vegane Ernährung über die Bundeswehr ist kaum möglich. Nur gelegentlich gibt es vegetarische Gerichte, die auch vegan sind. Grundsätzlich sind alle Angebote in der Truppenküche Fertiggerichte. Die Verwendung von Milcheiweißpulver, Volleipulver, Süßmolkenpulver etc. ist die Regel. Ähnlich sieht es bei den EPas (Einpersonenpackungen) aus. 

Theoretisch gibt es vegane Produkte, die aber durch Milcheiweißpulver und Co. „verfeinert“ werden. 

Bei Übungen werden wir übrigens normalerweise so verpflegt, dass das Essen der Truppenküche in Wärmebehältern nach draußen gefahren wird.

 

In den letzten Jahren ist das Angebot veganer Produkte in den Supermärkten extrem ausgeweitet worden. Spürst du diesen Trend auch in der Bundeswehr?

Nein. Seitdem ich vor 6 Jahren angefangen habe, hat sich meiner Meinung nach beim veganem Angebot nichts verändert.

 

Wie nimmst du die Einstellung der Bundeswehr zur vegetarischen bzw. veganen Ernährung wahr? Glaubst du die Bundeswehr ist offen für Veränderungen und weitet das Angebot an veganen Gerichten aus, oder setzt sie klassisch auf die fleischlastige Kost?

Die Bundeswehr hat jegliche Veränderung abgelehnt und Anregungen werden abgewiesen mit dem Argument, dass vegane Ernährung ungesund ist und man dadurch Mangelernährt ist. Sie drohen damit, ein Disziplinarverfahren zu eröffnen, wenn es auf Grund der veganen Ernährung zu Mangelerscheinungen kommt (vgl.: § 17 Abs.: 4 S.: 1-2 SG)*. 

Es kommt zwar zu keinen Mangelerscheinungen, wenn man die Ernährung ernst nimmt, aber man wollte mir einfach schonmal drohen…

*(§ 17 a Gesunderhaltungspflicht und Patientenrecht: „Der Soldat hat alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um seine Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Er darf seine Gesundheit nicht vorsätzlich oder grob fahrlässig beeinträchtigen“ https://www.gesetze-im-internet.de/sg/__17a.html)

 

 

Sind Kamerad*innen von dir vegan?

Mir ist ein Kamerad bekannt der einen Großteil der Zeit vegan lebt und nur 2-bis 3- mal im Jahr eine Ausnahme macht.

 

Wie groß schätzt du den Anteil von Veganer*innen und Vegetarier*innen in der Truppe ein?

Der Anteil ist definitiv sehr gering, da die Truppe sich für besonders männlich hält und die meisten der Meinung sind, dass Fleisch zu essen einen stark macht. Der typische Nonsens.

 

Der Anteil der Frauen in der Truppe ist immer noch gering. Glaubst du, dass es mehr Forderungen nach veganen Gerichten gäbe, wenn sich mehr Frauen für den Dienst bei der Bundeswehr entschieden?

Nein glaube ich nicht. Die Frauen bei uns sind eher die, welche behaupten das es zu einem Mangel kommen kann. Die Männer akzeptiere die vegane Ernährung eher, wollen diese aber nicht selbst durchführen.

 

Ist deine Ausrüstung vegan (Stiefel, Gürtel…)?

Nein! Die Stiefel sowie der der Gürtel für den Diener (Dienstanzug) sind aus Leder. Bis jetzt gibt es leider auch noch keine wirklich guten veganen Alternativen. Bei Übungen und vor allem im Einsatz muss die Ausrüstung einfach perfekt funktionieren und den Bedingungen am Einsatzort standhalten. Die aktuell angebotenen veganen Stiefel sind deswegen für mich zum Beispiel keine Option. Sie leisten nicht das gleiche wie die klassischen Lederstiefel.

 

Wurdest du schon einmal wegen deiner Ernährung gemobbt?

Ständig. Vor allem im Familien-, Verwandten- Freundeskreis aber auch von Kameraden. Es kamen die typischen Sätze wie Mangelernährung, ob mir beim Rasenmähen das Wasser im Mund zusammenläuft und ähnliches.

 

Wie reagierst du auf solche Kommentare?

Ich strafe die Menschen mit Ignoranz ab und denke mir meinen Teil dazu.

Meistens kommen solche Äußerungen von Menschen, welche eine ungesunde Fettmasse besitzen und mir dann erklären wollen, dass vegan zu leben ungesund ist. Die Menschen, die solche Kommentare bringen sind die Menschen, welche selbst mit sich unzufrieden sind und deshalb ist es mir egal. 

Selten lege ich es darauf an und argumentiere die Menschen in Grund und Boden. Das kann ich sehr gut und die Menschen reagieren dann gereizt und rasten nicht selten aus. Dementsprechend habe ich nur selten Lust auf Diskussionen in dem Bereich.

Für mich gibt es keine validen Argumente für den Konsum von Fleisch. Das Argument mit dem Geschmack ist nicht valide, sondern subjektiv. Vitamin B12 wird den Tieren auch nur als Zusatz in das Futter gemischt. Soja für Tofu und pflanzliche Drinks, kommt meistens aus Europa. Das Soja aus dem Regenwald hingegen ist hauptsächlich für die Masttiere.

Das letzte Argument und auch das Schlechteste, ist das „Aufzwingen“. Ich zwinge niemanden meine Meinung bezüglich Veganismus auf, aber ich darf sie immer und zu jederzeit äußern.

 

Was wünscht du dir in der Zukunft bezüglich der veganen Ernährung bei der Bundeswehr?

Mehr Akzeptanz, keine Drohung von den Ärzten und die Möglichkeit einer veganen Mahlzeit von Seiten der Truppenküche, um mich nicht selbst um alles kümmern zu müssen. 

Die EPas müssen meiner Meinung nach nicht zwangsläufig vegan sein, es wäre aber für Kameraden mit Laktoseintoleranz sehr gut, da eigentlich alles EPAs Laktose enthalten. 

Es handelt sich immer noch um Notfallrationen, welche auch dementsprechend teuer sind. 

In einem Notfall ist es mir ehrlich gesagt egal was ich esse, Hauptsache es ist essbar.

 

Verrätst du uns am Ende noch dein Lieblingsessen?

Lasagne oder Spaghetti Bolognese. 

Selbstverständlich vegan und deshalb auch mit Sojaschnetzel anstatt mit Hackfleisch. Am besten frische Tomaten, Sojaschnetzel, Nudeln, Olivenöl und Gewürze wie Knoblauch, Kräuter, Salz und Pfeffer. Mehr braucht es nicht.

 

Offizier Jan auf seinem Motorrad
Offizier Jan im Schneeeinsatz

Beispiel EPa leicht vegetarisch Typ XIV:

Beispiel für ein EPa der Bundeswehr
Bildquelle: https://www.bundeswehr.de/de/betreuung-fuersorge/radio-andernach-und-bwtv-die-betreuungsmedien-der-bundeswehr/radio-andernach-aktuelles/verpflegungsklassiker-im-wandel-5210388

Zusatzinformationen

Unter dem Slogan: „Mahlzeit. Jederzeit. Weltweit“ hat die Bundeswehr alleine über 20 Millionen Mahlzeiten in 244 Truppenküchen an Soldat*innen und Mitarbeiter*innen verteilt. 1

 

Mit über 250.000 Mitarbeiter*innen zählt die Bundeswehr zu den größten arbeitgebenden Instanzen Deutschlands. Im April 2022 leisteten mehr als 183.000 Soldat*innen ihren Dienst an der Waffe. Dazu kommen zahlreiche zivile Kräfte die in unterschiedlichen Bereichen eingesetzt werden. 2 Um die Bundesrepublik Deutschland in Kriegs- wie in Friedenszeiten schützen zu können, werden jedes Jahr mehrere Milliarden Euro an Steuergeldern für den Verteidigungsetat eingesetzt. 2021 belief sich der Verteidigungshaushalt auf 46,9 Milliarden Euro. Als Reaktion des Ukrainekriegs wurde im Weiteren ein sogenanntes Sondervermögen eigerichtet. Mit zusätzlichen 100 Milliarden Euro soll die Bundeswehr in den nächsten Jahren besonders gefördert werden. 3  

 

Als Ernährungsberaterin und Bürgerin stellt sich für mich die Frage, wie sieht es eigentlich in den Truppenküchen dieser riesigen Instanz aus? Werden Themen wie Nachhaltigkeit und Gesundheit berücksichtigt oder geht es hauptsächlich darum die Truppe satt zu machen?

Natürlich ist mir bewusst, dass speziell im Einsatz das Überleben an erster Stelle steht. Für Soldat*innen in Krisenregionen gibt es Wichtigeres als den CO2-Fußabdruck ihres Frühstücks oder die Auswirkungen von Massentierhaltung.

Was auf die Teller und in die Schüsseln der Soldat*innen landet, können diese nur sekundär beeinflussen.

 

An der obersten Stelle befindet sich das Verpflegungsamt der Bundeswehr. Das heißt eine Gruppe von Menschen sitzen in ihren komfortablen Büros im beschaulichen Oldenburg und treffen Entscheidungen über die Speisepläne der Truppen. 4 Höchste Priorität hat natürlich die ausreichende Versorgung der Einsatzkräfte.

 

Sämtliche Angehörige der Bundeswehr im In- und Ausland mit vollwertigen und im besten Fall noch schmackhaften Mahlzeiten zu versorgen, ist eine logistische Mamutaufgabe. Dennoch beteuert die Bundeswehr seit Jahren den Willen sich für zukünftige Innovationen öffnen zu wollen und auch als arbeitgebende Instanz attraktiver zu werden.

Eine Möglichkeit ist die schrittweise Optimierung der Truppenküchen hin zu nachhaltigeren und gesünderen Speisen.

Tatsächlich hat die Bundeswehr seit einiger Zeit eine vegetarische Option in das reguläre Menüangebot der Truppenküche aufgenommen. 5 In einem Onlinebeitrag wirbt das Verpflegungsamt der Bundeswehr zudem damit, seit Oktober 2021 verstärkt nachhaltige produziertes Palmöl einzusetzen. 6

 

Das es bei den Themen Nachhaltigkeit und speziell dem vegetarisch und veganem Speiseangeboten noch viel Luft nach oben gibt, zeigt das Interview mit Jan. Offensichtlich besteht von Seiten der Bundeswehr noch große Unsicherheiten und zahlreiche Vorurteile gegenüber der fleischfreien Ernährung. Das es für Personen mit Allergien und Unverträglichkeiten ebenfalls bei den derzeitigen Speiseangebot zu Schwierigkeiten kommen kann, sei hier nur am Rande erwähnt.

Das Interview ist zwar nicht repräsentativ und spiegelt alleine die Wahrnehmung eines einzelnen Soldaten wider, zeigt aber einige Tendenzen auf.  

 

Eine Stellungnahme zum Thema „Truppenverpflegung in der Bundeswehr mit dem Fokus des vegetarischen/veganem Angebots“ hat diese mit der Begründung abgelehnt, dass ein Blog keinen journalistischen Hintergrund habe und sie deswegen zu keine Auskunft verpflichtet wären.

Das sich die Bundeswehr damit wiederholt als intransparente und von der Gesellschaft losgelöste Institution präsentiert, scheint offensichtlich. Die Zusatzinformationen stammen deswegen aus öffentlich zugänglichen Quellen die eventuell nicht den aktuellsten Stand der Dinge widerspiegeln.

 

Inwiefern es in Zukunft weitere Fortschritte bei der Verpflegung der deutschen Streitkräfte hin zu mehr Nachhaltigkeit und Gesundheit geben wird, bleibt ebenfalls offen.

Quellen

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